Kultur & Gesellschaft

Im Lutherstift verstehen wir Kunst, Kultur und gesellschaftliches Engagement als Erweiterung unseres christlichen Menschenbildes - als elementare Grundlagen für ein menschliches Miteinander. Das gilt sowohl für das Leben in unserem Haus wie auch für die Fortentwicklung des nachbarschaftlichen Lebens in unserem Quartier – und darüber hinaus. 

Bildung, Betreuung, den Umgang der Generationen und der Kulturen miteinander und Stadtteilentwicklung betrachten wir als ein kulturelles Ganzes.

Deshalb initiieren und veranstalten wir Kulturereignisse, die Bewohner, Angehörige, Ehrenamtliche, Mitarbeiter und Besucher aus der ganzen Stadt gemeinsam erleben. Mit der Reihe „anstiftung“ hat sich das Lutherstift als fester Bestandteil des Wuppertaler Kulturlebens etabliert.

In Projekten wie „Reisen ohne Koffer“ oder „Traumtänze“ lernen unsere Bewohner andere Kulturkreise kennen oder finden künstlerische Ausdrucksformen sowie eine Wertschätzung ihrer Persönlichkeit und Lebenserfahrung.

Dem demographischen Wandel begegnen wir kreativ und kooperieren in zukunftsweisenden Projekten mit Stiftungen oder Programmen des Europäischen Sozialfonds.

Nicht zuletzt ist das Lutherstift aktiver Bestandteil der sehr agilen Netzwerke in der Elberfelder Nordstadt und häufiger Gastgeber für Treffen des Unternehmervereins, der Planungsgruppe Ölbergfest u.v.a. Über die Stadt hinaus bekannte Formate wie „Der Berg liest“ oder das Ölbergfest finden immer auch im und mit dem Lutherstift statt. Seit 2013 veranstalten wir in unserem Haus einmal jährlich auch den "Ölberg-Basar", ein immer größer werdender Flohmarkt mit Leckerem, Schönem und Nützlichem. Hier präsentieren Anwohner und Händler aus dem Stadtteil, aber auch unsere Mitarbeiter ein reichhaltiges Angebot, das auf große Resonanz in der Bevölkerung und unserer Bewohnerschaft trifft.

Kultur im Lutherstift: Für unsere Bewohner, für den Stadtteil, für das Miteinander.

Bunte Vielfalt als Bereicherung und Chance

Im demographischen Wandel verändert sich unsere Gesellschaft rasant. Auch in Wuppertal und besonders in unserem Quartier. 
Manche Menschen verunsichert diese Entwicklung, andere empfinden gar Angst. Aber „der Veränderung die Tür verschließen, hieße das Leben selber aussperren“, schrieb der amerikanische Dichter Walt Whitman.

Besser ist es sicher, Veränderungen konstruktiv zu begegnen und ihre großen Potenziale zu nutzen. Im Lutherstift tun wir genau das - wir bringen z.B. die am schnellsten wachsenden Einwohnergruppen zusammen: Senioren und junge Menschen mit Migrationshintergrund.

Im Programm „Mellon Plus – Gesundheit goes diversity“ ermöglichen wir jungen Migranten eine Berufsausbildung im Lutherstift. Zudem machen wir mit Hilfe dieses Projektes aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) unser Haus über neue Kompetenzen in der interkulturellen Altenarbeit fit für die Zukunft.

In einer Kooperation mit der der START-Stiftung lernen Stipendiaten in ihrem freiwilligen Engagement im Lutherstift die Altenhilfearbeit kennen und realisieren künstlerische Projekte mit unseren Bewohnern. Ein Projekt, von dem die Schüler mit Migrationshintergrund, unsere Bewohner und das Haus profitieren.

Wir arbeiten stets daran, Zukunft nicht einfach geschehen zu lassen, sondern sie selbst mitzugestalten. Wir machen unsere Türen weit auf. Für ein Miteinander der Kulturen.

Eine schöne Folge hieraus ist die Auszeichnung als Sieger im Wettbewerb „Diversität 2012“ für unser Haus. Damit wird dem Lutherstift bescheinigt, dass wir vorbildhaft dazu beitragen, das Gesundheitswesen für Menschen mit Migrationshintergrund zu öffnen.

Planet Mensch: Woyzeck

Das Projekt „Planet Mensch“ brachte die am schnellsten wachsenden Einwohnergruppen zusammen: SeniorInnen und junge Menschen mit Migrationshintergrund.

BewohnerInnen des Seniorenzentrums Lutherstift und StipendiatInnen der START-Stiftung (die allesamt ihre Wurzeln in anderen Ländern und Kulturen haben) machten sich auf die Reise und erkundeten den Planeten Mensch. Fast zwei Jahre lang trafen sie sich immer wieder zur transkulturellen und intergenerativen, künstlerischen Suche nach der menschlichen Substanz.

Was macht Menschsein aus? Welche Rolle spielt unsere Herkunft, unser Alter? Was verbindet, was trennt uns? Was können wir einander geben?

Von „Wie wäre unser gemeinsam gebautes Land“ über „Was würde ich tun, wenn ich nur könnte“ bis „Was ist ein starker Mensch“ wurden die ungenutzten Möglichkeiten des Planeten Mensch ausgelotet.

Höhepunkt war die Entdeckung von Georg Büchners Theaterstück Woyzeck: Ein Text „vom Fieber zersprengt bis in die Orthografie; eine Struktur wie beim Bleigießen, wenn die Hand mit dem Löffel vor dem Blick in die Zukunft zittert.“ (Heiner Müller)

Die Gruppe näherte sich dem Material im Rollentausch: Die BewohnerInnen des Lutherstifts legten asiatische und afrikanische Gewänder an. Die jungen Migranten stiegen in barocke europäische Kleider. Im TalTonTHEATER spürten sie der Büchnerschen Essenz nach. Dabei wurden sie fotografiert.

Zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Leben und Spiel schienen Würde und Solidarität auf. Die famosen Bilder von Uwe Stratmann geben Ahnung davon.

Die Ausstellung der großformatigen Fotos wurde erstmals in der Utopiastadt im Mirker Bahnhof in Wuppertal präsentiert. Ziel ist, die Installation wandern zu lassen und an möglichst vielen Orten auch über Wuppertal hinaus zu zeigen.

Planet Mensch macht Stimmung für Möglichkeiten des Menschseins.
Planet Mensch will künstlerisch menschliche Substanz als Zukunftsressource freilegen.

In der erstaunlichen Begegnung erlebten sich Junge wie Alte immer wieder als gestaltende Entdecker – sie entdeckten einander und sich selbst. In gegenseitiger Wertschätzung gelangen künstlerische Transformationen des Gefundenen.

In der Tagesschau sehen wir täglich, dass Zugewanderte und Senioren als gesellschaftspolitisches Problemfeld verhandelt werden.

Planet Mensch zeigt: Diese Menschen sind nicht das Problem. Sie sind Teil der Lösung.

Zum Projekt ist ein wunderbarer Katalog erschienen, den Sie hier als pdf downloaden können.

Künstlerische Leitung: Andy Dino Iussa & Roland Brus

Anstiftung – Kulturoffensive Lutherstift

Das Lutherstift wird längst als »Bühne« des Stadtteils wahrgenommen und hat seinen festen Platz in der Wuppertaler Kulturlandschaft. Über das Quartier hinaus große Aufmerksamkeit genießt die Veranstaltungsreihe anSTIFTung.

Seit 2003 lädt das Lutherstift Bewohner, Angehörige, Ehrenamtliche, Mitarbeiter und Kulturinteressierte aus der ganzen Stadt zu Konzerten, Theateraufführungen und Lesungen ein. Die Besucher erwartet ein populäres und zugleich ambitioniertes Programm – von der Bergischen Seifenoper bis zu afrikanischer Weltmusik, vom lokalen Musiker bis zum international renommierten Künstler. In den Pausen bietet unsere Küche ein auf das Programm abgestimmtes Essen an.

Das aktuelle Programm finden Sie auf www.anstiftung.net

Einmal im Quartal gastiert der „Klangkosmos Weltmusik NRW“ [www.klangkosmos-nrw.de] bei uns. Dieses Netzwerk pflegt die Musiken der Welt als Teil des Kulturerbes der Menschheit. Die Veranstaltungen sind mehr als Konzerte – in einem Rahmenprogramm erfahren unsere Bewohner mehr zu den Hintergründen der Musiker, der Instrumente oder Länder. (s. "Reisen ohne Koffer"). In persönlichen Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen und ihren Geschichten wird Interkulturalität sinnlich erfahrbar.

Hier begegnen sich Menschen in einer offenen Atmosphäre – zur gegenseitigen Bereicherung. Besucher aller Altersgruppen und verschiedener Nationalitäten übertreten die (Hemm-)Schwelle einer Senioreneinrichtung und ein interkultureller und transgenerativer Dialog entsteht. Das Schönste: Es ist spannend und macht Spaß!

Reisen ohne Koffer

Alle drei Monate ist der Kirchsaal im Lutherstift Ort einer ganz besonderen Begegnung: Der Klangkosmos Weltmusik präsentiert dann außergewöhnliche Livemusikerlebnisse aus aller Welt. Dieses Netzwerk verpflichtet berühmte Musiker aus allen Erdteilen für Gastspielreisen in NRW. Und das Lutherstift ist einer dieser Gastspielorte.

Das ist aber noch nicht alles: Diese Konzerte werden flankiert von der Reihe „Reisen ohne Koffer“:

Analog zu den auftretenden Künstlern wird unseren interessierten Bewohnern ein Film mit Hintergründen zum jeweiligen Land, seiner Geschichte, Religion und sozialen Situation, seiner Kultur und Musik gezeigt. Dazu gibt es landestypisches Essen.

Zudem findet im Vorfeld eines jeden Konzertes ein Workshop statt, den die Künstler selbst leiten und an dem unsere Bewohner gemeinsam mit Schulkindern aus dem Quartier teilnehmen. Mit viel Spaß und Entdeckungslust begegnen sich Kulturen und Generationen auf ganz sinnliche Art. Eine interkulturelle Begegnung mit neuer Qualität, die über eine reine Betrachtung des „Exotischen“ hinausgeht. 

Das eigentliche Konzert bildet Abschluss und Höhepunkt des Ereignisses, zu dem regelmäßig Besucher aus der ganzen Stadt (und darüber hinaus) ins Lutherstift strömen. Und unsere Bewohner sind mittendrin.

Traumtanzen

Es gibt immer wieder Projekte im Lutherstift, die sich künstlerisch mit den hier lebenden und tätigen Menschen beschäftigen und eine Vielzahl von Besuchern anlocken.

Ein besonders schönes Beispiel war unser „Jubiläum“ 2011:

Zum 165jährigen Jubiläum feierte das Lutherstift - seine Bewohner, die Angehörigen, die Mitarbeiter – zusammen mit dem ganzen Ölberg ein großes Kulturfest. 

165 Jahre sind eine sehr lange Zeit, in der Menschen eine ganze Menge Leben gelebt haben – auch im Lutherstift. Träume wurden geträumt, Alltag wurde bewältigt. Mit dem Fest haben wir solchen Leben künstlerisch Ausdruck verliehen.

Zu einem anständigen Fest gehört natürlich auch das Tanzen. Deshalb traten Träumen, Leben und Tanzen bei uns in eine besondere Beziehung zueinander – und es entstand ein aufregendes Programm, in dessen Mittelpunkt ein Fotokunstprojekt mit Bewohnern stand:

TRAUMTÄNZE 

Eine ungewöhnliche Foto-Ausstellung:

In diesem Projekt wurden Bewohner des Lutherstifts selbst zu Akteuren, zu Künstlerinnen und Künstlern. Gemeinsam mit dem Tänzer und Choreographen Milton Camilo suchten sie eine tänzerische Bewegung, die ihre Lebenshaltung oder ihre Persönlichkeit charakterisiert.

Die Fotografin Dörthe Boxberg versuchte, den entscheidenden Augenblick in der Bewegung fotografisch festzuhalten. Diese Bilder machten die beeindruckende Ausstellung aus.


Weitere Höhepunkte an diesem Tag waren

Lesung mit Jo Ann Endicott: die langjährige Tänzerin bei Pina Bausch las aus ihrem Buch: „Warten auf Pina“ über ihre Arbeit auf den Bühnen der Welt und den Prozess ihres Älterwerdens in einer der weltbesten Tanzcompagnien.

Filmvorführung  „Kontakthof mit Damen & Herren ab 65“: Dokumentation des berühmt gewordenen Seniorentanztheaterprojekts von Pina Bausch. Die Interviews und Tanzszenen geben Auskunft über Menschen, die im Alter noch mal versuchen, ihre alten (Jugend-)Träume zu leben.

Tangonacht: Carmen "La Rubia" Fabián & César Spengler animierten mit Ihrer beeindruckenden Kunst Besucher, Mitarbeiter sowie Bewohner zum Mittanzen im Kirchsaal.

Der Literaturbaum

Im Garten des Lutherstifts steht unser „Literaturbaum“.

Die kleine Wiese, um die herum immer zahlreiche Stühle stehen und wo Bewohner und Besucher bei gutem Wetter die Seele baumeln lassen können, ist ein Ort der Einladung an alle, die sich Gedanken über Gott und die Welt, über Leben und Tod, über Alltag und Kunst machen.

Vor dem Literaturbaum steht ein besonderer Briefkasten: hier kann jeder Notizen, Gedanken oder Texte hineinlegen - oder die Aufzeichnungen, die andere dort hinterlassen haben, lesen oder mitnehmen, einfach nur sinnieren und ihren Gedanken und Träumen nachspüren. Ein Ort der Kontemplation.

Auf die Idee des Literaturbaums brachte uns eine Freundin des Hauses: In dem an ihr Haus grenzenden Wald hatte die engagierte Dame lange nach einem Baum gesucht, an dessen Stamm sie mit Stecknadeln Zettel heften konnte, auf die sie eigene Texte oder Zitate berühmter Autoren aufgeschrieben hatte. Ein größerer Zettel trug den Hinweis, dass jede/r Interessierte sich diese Texte mitnehmen oder auch andere, eigene Gedichte, Notizen oder Fragmente aufschreiben und ebenfalls an diesen Baum befestigen dürfe.

Solange unsere Freundin durch den Wald spazieren konnte, besuchte sie ihren Literaturbaum. Bald schon bemerkte sie, dass manche Zettel fehlten oder dass neue Texte hinzugekommen waren. Schließlich begegnete sie auch den Menschen, die die Idee des Literaturbaums lebendig werden ließen.

Das Projekt entfaltete sich weiter: Die Besucher des Baumes verabredeten sich über Zettel zu einem Literaturpicknick – von da an versammelten sich regelmäßig unregelmäßig 15 bis 30 Literatur- und Naturliebhaber zu einem Picknick rund um den Baum. Man brachte Decken, Speisen, Getränke und vor allem Texte mit und las sich Lyrik, Prosa und Aphorismen vor.

In ihrer letzten Lebenszeit äußerte die Dame ihr Bedauern darüber, dass sie sich nicht mehr um den Literaturbaum kümmern könne und dass nach ihrem Ableben diese schöne Idee buchstäblich im Sande verlaufen könne. Uns gefiel dieses kleine private und mit Herzblut gefüllte Projekt so gut, dass wir unserer Freundin versprachen, ihre Idee weiterzuführen – im Garten des Lutherstifts.